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Südkurier, 05.09.2007

Harald Ruppert

Der Novellendichter des Jazz

"Entweder du kriegst die Leute in den ersten zehn Sekunden eines Songs, oder du kriegst sie überhaupt nicht." Das ist ein ziemlich nüchterner Spruch aus der Musikbranche, aus dem in der Folge nur allzu oft abgebrühte Schema-F-Musik hervorgeht.
Dass es auch anders geht, zeigt Jürgen Hagenlocher. Der Saxofonist, geboren und aufgewachsen in Friedrichshafen und heute in Freiburg lebend, hat das Ohr seiner Hörer mit seiner neuen CD "Episodes" sofort am Wickel - gleich mit den ersten zehn Sekunden des Eröffnungsstücks "Continuous Loop". Gitarre und Schlagzeug zaubern einen Mörder-Groove, der ähnlich energetisch abgeht wie einst John Coltrane mit seinen Mitstreitern Jimmy Garrison und Elvin Jones.
Jürgen Hagenlocher steht mit seinen Partnern Dano Haider (Gitarre), Jörg Eckel (Schlagzeug) und Thomas Bauser (Hammond B3) für einen Jazz, der voranpreschende rhythmische Kraft mit einem sehr geschmeidig gespielten Saxofon und bisweilen aufgekratzten Orgelsoli zu verbinden weiß. Herausragend ist aber vor allem das Niveau der auf dieser CD vorgestellten Eigenkompositionen (plus zwei Standards): Sechs Stücke stammen von Jürgen Hagenlocher, ein weiteres von Dano Haider. Bei keinem einzigen handelt es sich um bloßes Füllmaterial, und wer nur seinen Ohren traut, würde vermuten, dass hier eine renommierte Top-Besetzung am Werk ist, die ganze Arbeit leistet: Das Stück "Callisto" ist fließende Lyrik, über weite Strecke aus ebenso inspirierten wie versonnenen Improvisationen gefügt. "The shuffle is back" baut sich auf einem hypnotisierenden Groove auf; eine Nummer ganz im Geist des verstorbenen Wes Montgomery.
Perfekt beherrschen Hagenlocher und Co. die Kunst der rhythmisch-melodischen Übergänge, und so sind sie eines nie: eine Band, bei der man klar zu sagen wüsste, woran man ist - und genau das macht ihre Qualität aus. Selten stößt man in der Region auf eine Jazzformation, die so sehr in die Stücke eintaucht, die sie auszuloten und sich selbst zu zügeln weiß, weil sie den Aufbau der Gesamtkompositionen im Sinn behält. Daher fallen auch die Stücke, in denen die Improvisation eine große Rolle spielt, niemals auseinander. Verrucht und verraucht, mystisch und melancholisch, gefährlich und gefühlvoll sind sie, und in ihrer Vielfalt nie verworfen oder in sich brüchig. Beim ersten Hören kommt man dieser CD noch lange nicht auf den Grund. Mehrmals muss man sie abspielen, damit sie ihre Tiefe entfalten kann.

Sie trauen solchen Lobeshymnen nicht? Vielleicht glauben Sie ja Randy Brecker: Der berühmte Trompeter spricht im Booklet von einer "erstklassigen CD", "randvoll mit neuen Ideen". Die Kompositionen und das Spiel aller Beteiligten werden von ihm gleichermaßen gelobt.

Jürgen Hagenlocher pflegt dagegen die Bescheidenheit, das sagt schon der Titel seiner CD: "Episodes". Eine Episode, das ist laut Lexikon ein bloßes "Teilstück" oder, schlimmer noch, ein "nebensächliches Ereignis". Ein Ereignis ist diese Musik schon; nur eben kein nebensächliches, sondern fast schon ein außerordentliches. Jürgen Hagenlocher sollte es deshalb mit Goethe halten und seiner nächsten CD den folgenden Titel geben: "Novellas" - Novellen. Der Dichterfürst bestimmte das Wesen der Novelle folgendermaßen: "Denn was ist eine Novelle anderes als eine sich ereignete unerhörte Begebenheit?"

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